Dienstag, 11. Mai 2010

Vergleiche

Dienstag - 11.05.2010 - 17:39

Vergleiche

Meine berufliche Karriere begann ich im Rettungsdienst. Das führt zwangsläufig dazu, dass ich die Parallelen zwischen dem damaligen und meinen jetzigen Beruf als Fluglotse suche und sie entsprechend vergleiche. Das funktioniert natürlich nicht immer, so ist es grundsätzlich natürlich schwer, einen akuten Herzinfarkt mit 3 Meilen / 1000ft Staffelung zu vergleichen.
Auf der anderen Seite helfen mir einige Erfahrungen aus dem Rettungsdienst in meinem seit kurzem angelaufenem On The Job Training sehr. Nach wenigen Wochen Theorie, in denen ich seit langem Mal wieder jeden Tag gesessen habe, und trockene Theorie lernen musste, begann ich zunächst das Simulationstraining bei Frankfurt Approach. Das Gute dabei ist: Hier kann man erst mal nichts kaputt machen. Auch wenn der Approachsektor von der Akademie an den Frankfurter Sektor angelehnt ist, so merkt man spätestens im Sim doch deutlich, dass die Verfahren und die Arbeitsweise noch entscheidend darauf ausgelegt sind, möglichst viele Flieger in möglichst wenig Zeit sicher zur Landung zu bringen. Trotz alle dem helfen die Erfahrungen aus dem Akademiesimulator, denn man kennt schon grob die richtigen Steuerkurse, kennt die Struktur des Luftraums und auch die ein oder andere Hürde, die es zu bewältigen gibt.
Nach weiteren zwei Wochen im Simulator entließ man mich dann endlich in den "echten" Verkehr, selbstverständlich bis heute und noch einige Monate für die Zukunft unter professioneller Kontrolle fertiger Lotsen.
Es passte gerade ziemlich gut und so fiel mein erster Arbeitstag auf meinen Geburtstag. Mir wurde sofort angeboten, frei zu nehmen. Aber da sich eine Heimfahrt nicht gelohnt hätte und ich sowieso nicht viel auf Jahrestage gebe, war das größte Geschenk für mich tatsächlich, endlich mit echten Piloten zu sprechen und echte Flugzeuge durch den Luftraum zu lotsen. Das klingt vielleicht zunächst etwas ... sagen wir kitschig, aber so war es tatsächlich. In der Nacht zuvor konnte ich NICHT deswegen so schlecht schlafen, weil ich 22 Jahre alt wurde, sondern weil ich endlich lotsen durfte.
Natürlich war mir bewusst, dass ich wahrscheinlich erst mal nur Koordinator sein würde und eher die Rolle des Beobachters einnehmen würde, doch trotzdem freute ich mich wie ein Kind auf seine Einschulung. Die einzige Tragik an der Geschichte war eigentlich der 6:15 Dienst, bin ich doch einfach kein geborener Frühaufsteher. Ich fürchte, dass ich mich daran einfach gewöhnen muss ;-)
Spaß beiseite: Es hatte sich offensichtlich herumgesprochen, dass ich an meinem Geburtstag arbeitete, sogar meinen ersten Tag absolvierte (Ja, es gab Kuchen), und so bot man mir auch an, nicht nur auf Co (Koordinator) zu arbeiten, sondern auch gleich das Headset selbst aufzusetzen und mit Piloten zu sprechen.
Gerade an der Akademie hört man oft von der anfänglichen Angst davor, in dieses Micro zu sprechen, wenn man weiß, dass dort echte Piloten und echte Menschenleben hinter stehen. Das ist sogar eine nicht zu vernachlässigende Barriere in unserem Job, die man nach der Akademiezeit erst mal überwinden muss. Dabei geht es weniger darum, dass man jetzt mit Fremden spricht, als viel mehr um die Tatsache, dass von den Freigaben, die man erteilt, jetzt wirklich Menschenleben hängen.
Ich steckte also mein Micro ein, setzte mich auf den Stuhl und hatte im Grunde ein aus dem Simulator bekanntes Radarbild vor Augen. Das Herz schlug flott und so reduzierte ich mich zunächst auf zwei bzw. drei Dinge: Was hast du an der Akademie gelernt, was hast du im Simluationstraining als Vorbereitung auf das OJT gelernt UND was hast du damals im Rettungsdienst über Gelassenheit gelernt, womit wir wieder beim Eingangsthema dieses Beitrags wären. Es gibt einen Satz, der meine Situation überspitzt verdeutlicht: "Kompetentes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit". Wie gesagt, der Satz überspitzt es natürlich, war ich natürlich nicht absolut ahnungslos. Jedoch ist es natürlich so, dass die Piloten, im Gegensatz zu den Patienten aus dem Rettungsdienst, nur einen einzigen Anhaltspunkt haben: Meine Stimme. Ein Patient lernt mich zumindest ein bisschen kennen, sieht mein Gesichtsausdruck, meine Körpersprache, er riecht, schmeckt, sieht und fühlt Dinge. Aber in der Fliegerei hört der Pilot nur. Das einzige Medium des Piloten ist meine Stimme. Daher war für mich das Wichtigste, und das war mir schon im Rettungsdienst wichtig, das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.
Ich wusste, dass an meinem ersten Tag keine Glanzleistungen und 57 Landungen in der Stunde erwartet wurden, um so mehr erwartete ich von mir selbst, professionell zu sein. Und hier muss ich nochmals auf den Rettungsdienst zurückkommen. Dort lernt man, gerade in stressigen Situationen, in denen Familien oder eben auch Patienten dazu neigen, zu eskalieren, die nötige Gelassenheit auszustrahlen, die alle beteiligten ganz von selbst wieder zu einer gewissen Ruhe bringt.
Das war genau das, was ich mir selber als Ziel gesteckt hatte: Meine Freigaben würden zunächst natürlich "übersicher" sein. Nichts mit eng fahren und Flugzeuge am Minimum hintereinander her drehen. Lieber zwei, ach, drei Meilen mehr. Das ist auch nicht verkehrt. Aber, und das war für mich das Wichtigste: Ruhig bleiben und genau diese Ruhe auf der Frequenz ausstrahlen. Die Ruhe, zu der man sich dabei bewusst zwingt, hilft nicht nur den Piloten. Es übertrag sich natürlich auch auf einen selbst. Wenn man sich selber regelmäßig kontrolliert, erkennt man frühzeitig den Moment, in dem man hektisch wird. Auch wieder eine Sache, die ich im Rettungsdienst gelernt habe.
Und gerade dann, wenn man richtig am überlaufen ist, hilft es um so mehr, zwei Sekunden nichts auf der Frequenz zu sagen, mit dem Stuhl kurz zurückzurollen, laut durchzuschnaufen, um sich dann wieder ins Getümmel zu stürzen. Mit ruhiger und souveräner Stimme.

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Die Anfangstage waren gut überstanden und ich hatte mich ans "Micro" gewöhnt und lernte nun, immer mehr ans Minium heranzugehen. Inzwischen bin ich seit fast zwei Monaten im Training und es läuft sehr sehr gut. Ich habe die nötige Sicherheit entwickelt, bin schon in das ein oder andere Fettnäpfchen getreten und lerne jeden Tag dazu. Ich habe nicht nur eine sehr gute Stimmung um mich herum, sprich supernette Kollegen, sondern auch sehr gute Coaches. Das schreibe ich jetzt hier nicht nur, weil sie es ja lesen könnten. Das meine ich wirklich so. Einer meiner Coaches hat gerade erst seine Ausbilderlizenz in der Tasche und muss daher selber lernen, was er den Trainee noch machen lässt und wann er eingreift. Gerade in Frankfurt gibt es öfter Verkehrssituation, die einen Trainee schnell an die Grenzen der Belastbarkeit bringen.
Ich fühle mich da eigentlich sehr gut aufgehoben. Mir werden quasi alle Entscheidungen selbst überlassen, auch wenn es hinterher heißt "So rum wäre es einfacher gewesen. Aber mach es ruhig so." . So ist der Lerneffekt hoch und manchmal fühlt man sich fast ein bisschen auf den Arm genommen, wenn man im Debriefing gesagt bekommt "Ich habe schon 10 Minuten vorher gesehen, dass das nix wird".
Natürlich, das unterstreiche ist, niemals auf Kosten der Sicherheit, sondern immer zum Wohle der Ausbildung. So lerne ich schneller, die Fettnäpfchen zu umgehen, wenn ich einige Male in sie reingefallen bin.

Im Grunde war's das auch schon wieder. Ich hoffe, meine ständigen Bezüge um Rettungsdienst nerven nicht zu sehr beim Lesen. Kommentare sind herzlich willkommen und erwünscht.
mfG,
Hauke

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Super Beitrag. Ich verfolge deinen Blog schon eine Weile und bin jedesmal auf Neuigkeiten gespannt.

Gestern hatte ich meinen Info-Tag in Langen und am 07. Juni gehts dann los im FVK 197 Center. Ich kanns kaum noch erwarten und hoffe dass ich auch mal da stehe wo du jetzt bist.

Viel Erfolg weiterhin.

Basti

Shanty hat gesagt…

Hey!

Endlich ein neuer Beitrag :p
Sehr schön geschrieben & auch wirklich interessant... und nein, die Rettungsdienst-Vergleiche nerven nicht ;)
Ich wünsche dir auch weiterhin viel Erfolg, aber so wie sich das bei dir anhört scheinst du ja alles im Griff zu haben!

LG